ARTIST STATEMENT
Katarina Gaub Artist Statement Poesiealbum Hase
Frau Carle hat mir das ins Poesiealbum geschrieben. Sie war meine Grundschullehrerin und hat mir ungefähr zur gleichen Zeit erfolgreich die Alchemie der Buchstaben und Zahlen vermittelt. Es ist also kein Wunder, dass ich sie zur unantastbaren Merksatzautorität meiner Biografie geadelt habe. Natürlich wollte ich nicht nur lesen und schreiben, sondern auch glücklich sein können. So bin ich strebsam ihrem Rat gefolgt und habe angefangen gewissenhaft zu ordnen. Zuzuordnen, einzuordnen, und vor allem Ordnung zu schaffen. Ich rauche, und ich trinke nicht, (zugegebenermaßen nicht mehr), für meine Sucht aufzuräumen, habe ich jedoch bis heute keine Befreiung gefunden.
Meine Strümpfe sind nach Farben sortiert, meine Gewürze nach botanischen Sektionen, die Menschen, denen ich begegne, werden virtuos in gut, schlecht und Vollidioten kategorisiert. Wenn ein Stuhl schief steht, will ich ihn geraderücken, wenn jemand zu schlampig mit der Wahrheit ist, leide ich; sehr.
Ich möchte die Welt retten. Im Ernst. Das wollte ich sogar schon, bevor ich Frau Carle kannte.
Wenn ich auf Menschen treffe, die nicht Teil dieser Mission sein wollen, bin ich jedes Mal ehrlich verwundert. Ich habe oft Gelegenheit mich zu wundern.
Es gibt so viele schiefe Stühle, schlampige Wahrheiten, unsortierte Verantwortung und vermodertes Verhalten.
Aber so sehr ich auch versuche dieser Flut an toxischer Unordnung beizukommen, es gelingt mir nicht. In diesem Punkt hat Frau Carle wohl eine Variable übersehen. Oder Plutarch. Wie auch immer: Meine kleine Welt ist ein Schlachtfeld gescheiterter Kreuzzüge. Ich bin ganz und gar nicht glücklich und erzürne mich nach wie vor.
Da das auf Dauer nicht gut auszuhalten ist, habe ich mich nach alternativen Glückstrategien umgesehen und begonnen verstehen zu wollen. All diese Menschen. Und die anderen auch. Und den Rest.
Verstehen macht reich aber ist erschöpflich. Irgendwann habe ich auch das verstanden.
Also nahm ich den Strohhalm Demut und machte mich auf, es nicht zu wissen und nicht einmal zu wissen, was ich alles nie wissen werde oder wissen sollte.
Wir sind noch in der Kennenlernphase. Ich und dieses. Dieses was ich nicht verstehe, sehe, erfassen oder kontrollieren kann.
Wir treffen uns gerne, wenn es still ist; es erträgt geduldig, dass ich es immer noch tollpatschig "das Unsichtbare" nenne, obwohl das natürlich viel zu klein ist. Oft schweigen wir einfach. Manchmal bin ich sogar schon fast ein bisschen verliebt und dankbar, dass uns die Komplizin Kunst diese verwirrenden Treffen ermöglicht. Sie sollten es auch kennen lernen. Wirklich. Und wenn Sie jetzt denken ich rede von Gott oder so, denken auch Sie zu klein. Wir werden es nicht erfassen können. Glauben Sie mir. Und genau darin liegt die Ordnung.  
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